Brauchtum - Wolfauslasser

Das Wolfauslassen

 

Wie an vielen anderen Orten im Bayerischen Wald, so findet auch in Bodenmais im Landkreis Regen am 10. und 11. November das alljährliche "Wolfauslassen" oder auch "Wolfausläuten" statt.


Wo hat dieser Brauch seinen Ursprung?
Die Hirten haben früher den Kühen Glocken um den Hals geschnallt, um die Bären und Wölfe durch das "Gescheppere" von der Weide fernzuhalten und um verlorene Tiere auf den Schachten (=Weideflächen im Hochwald) leichter wieder zu finden (für den letzteren Zweck werden vereinzelt auch heute noch Kuhglocken verwendet), außerdem hat der Hirte von Zeit zu Zeit mit seiner "Goaßl" geschnalzen, um die Raubtiere damit abzuschrecken.
Im Spätherbst wurden die Kühe in die Stallungen getrieben. In dieser Zeit haben sich dann die Bauern und Knechte der einzelnen Höfe die Kuhglocken selbst umgeschnallt und kräftig geläutet um zum einen die Wölfe und Bären vom Bauernhof fernzuhalten und zum anderen haben sie dadurch ihre Freude über eine gelungene Ernte und den verlustlosen Weideaufenthalt der Kühe zum Ausdruck gebracht.
In der Frühzeit des Wolfauslassens könnte dies auch noch der Dämonenabwehr gegolten haben, weil sich der Glaube an die Finsteren Mächte in den riesigen Waldgebieten des Bayerischen Waldes, sehr lange gehalten hat.

In der heutigen Zeit, in der man keine Wölfe und Bären mehr zu fürchten braucht, ist man in Bodenmais stolz, dass man die Erinnerung an diese "gute alte Zeit" durch das traditionelle "Wolfauslassen" am 10. und 11. November aufrecht erhalten hat.


Zum Brauch selbst
Schon ab Mitte September geht es los mit dem Training für's Goaßlschnoizn (Geißelschnalzen).
Was ist eine Geißel? An einem ca. 30 cm langen Stock ist durch ein Gehänge ein 2,5 - 5,5 m langer Strick angebracht, der beim Stock bis zu 8 cm Durchmesser hat und zur Spitze hin immer dünner wird. An das dünne Ende wird ein sog. Vorhauer (Länge ca. 1 m) angebracht, der wie der Strick zur Spitze hin immer dünner wird und ebenfalls aus Hanf geflochten ist. Die Spitze bildet schließlich das "Schnürl". Das Schnürl ist das Teil an der Geißel, das beim Schnalzen einen lauten Knall hervorruft und nur 1 - 3 mal verwendet werden kann. Das Schnürl hat eine Länge von 30 - 40 cm und sieht aus wie ein kleiner gelber Pferdeschweif. Die Geißel wird mit Wagenschmiere eingefettet und anschließend in feinen, feuchten Sand gelegt, damit sie besonders schwer und geschmeidig wird und man damit besonders laut schnalzen kann. Mit diesen Geißel trainiert man schließlich, um beim Wolfauslassen keine Fehler zu machen.
Die Geißelschnalzer gehören nämlich genauso zum
"Wolf" (der "Wolf" ist die ganze Gruppe , die beim Wolfauslassen ihr Unwesen treibt, und besteht aus dem Hirten, den Burschen, welche die Glocken läuten und den Goaßlschnalzern).
Die Goaßschnalzer treten in Gruppen von zwei bis max. fünf Personen auf, und schnalzen in einer Reihe aufgestellt, im jeweiligen Takt. Wer den sogenannten "Fünfer" (mit 5 Personen) so beherrscht, dass der Abstand zwischen den Peitschnknallern ziemlich gleich ist, gehört zur Elite der Geißelschnalzer.


Das eigentliche Wolfauslassen
An jedem 10. November treffen sich die zwischenzeitlich drei Bodenmaiser "Wölfe" (die 1. Bodenmaiser Wolfauslasser, die Heuern und die Hewerla) in verschiedenen Ortsteilen der Gemeinde. Die jungen Burschen, ältere Männer und seit ein paar Jahren auch einige Mädchen schnallen sich am vereinbarten Treffpunkt ihre Glocken um und stellen sich in 3er oder 4er Reihen auf.
Der Hirte, Anführer der Gruppe, steht mit seinem kunstvoll verzierten Hirtenstecken an der Spitze des
"Wolfes". Mit dem Schrei "Buam seid's olle do?" - (Wolf antwortet laut "Ja"), "Geht koana mehr o?" - ("Na"), "Dann riegelt's enk", geht es los.
Die Wolfauslasser beugen sich vor und schütteln ihre Glocken schnell hin und her (= riegeln) bis der Hirte seinen Stock hebt und damit den Takt für das Geläut angibt.
Der Wolf marschiert dann hinter seinem Hirten von Haus zu Haus. Vor jeder Haustür wird dann kräftig geläutet, bis der Hausherr die Tür öffnet. Dann hebt der Hirte seinen Stock und gibt damit den Befehl zum Aufhören des Geläutes. Jeder muss jetzt ganz still sein, denn der Hirte sagt nun seinen Hirtenspruch auf.


Hirterspruch (einer von vielen - auch von Ort zu Ort verschieden)
Eitz kimmt da Hirt mit sana Girt (Gerte).
Er hod s'ganz Jahr mit Freid ausghüat.
25 bis 26 Wocha, is gwis a lange Zeit,
drum hod se da Hirta auf Martini gfreit.
Da Hirta muaß springa über Distl und Dern (Dornen),
dass er oft ganz narrisch kannt wern.
Wenn er wos sogt von an bessern Essn,
haut'n d’Bäuerin eine in d’Fressn (Gesicht).
Wenn er wos sogt von an druckan Ko (Mehlspeise),
haut eahm d’Bäuerin oane eine ins Lo’ (Schlag auf den Hintern).

Eitz hör i Schlüssln klinga,
wird da Bauer ins Kammerl springa,
und an Zwanzga aussabringa.
A Zwanzga is uns no ned gnua,
ghört no a Tragl Bier dazua.
Mitt'n Messer dastocha, mitt'n Schlegl dahaut,
auf das se koa Woif mehr traut.
Eitz owa schlog i d’Gart eine aufn Tisch,
dass wißt’s dass morgn (heid und morgn) Martini is!


Wenn sich der Wolf dann wieder riegelt, drückt der Hausherr dem Hirten ein Geldstück oder einen Geldschein in die Hand und stellt auch mal einen Kasten Bier oder eine Runde Schnaps für den immer durstigen "Wolf" bereit.
Der Hirte bedankt sich und lässt den "Wolf" nochmals kräftig läuten, dann geht es weiter zum nächsten Haus oder Hof.......

dazwischen zeigen immer wieder die Goaßlschnoizer ihr Können und schicken Knallkonzerte durch die Spätherbstnacht.
Nachdem so ein Teil des Dorfes abgegangen wurde und die Geldbörse des "Wolfes" voll ist, kehrt man zur Stärkung in eines der örtlichen Wirtshäuser ein oder trifft sich, wie bei unserem "Wolf" beim Peterbauern (Saller) zu einer zünftigen Brotzeit und einer oder ???? Maß Bier.
So wird bis in die frühen Morgenstunden der Wolf für den kommenden großen Tag der Wolfauslasser angemeldet. Manch einer tritt schon eher den Heimweg an. Sicher ist, dass alle erschöpft und abgekämpft irgendwann ins Bett fallen und sich auf den nächsten Tag freuen.

 

Am 11. November wird dann der noch verbliebene Teil des Dorfes vom "Wolf" besucht.

Um etwa 22 Uhr treffen sich die drei "Wölfe" der Gemeinde an der sogenannten "Kuhbrücke" zum Läuten. Hier versuchen die einzelnen "Wölfe" jeden der anderen durch lang anhaltendes Läuten zu übertreffen. Die Hüter des jeweiligen "Wolfes" spornen ihre Leute zu immer größeren Höchstleistungen an.

Zum Schluss sind sich jedoch alle einig und mit einem gemeinsamen Läuten der "Wölfe" wird der Auftritt auf der Kuhbrücke" abgeschlossen. Anschließend geht es wie am Tag zuvor wieder zum Peterbauern zu einem zünftigen Ausklang des "Wolfauslassens".

Jeder der einmal mit dabei war, freut sich jetzt schon wieder auf das nächste Martini.